Ist nicht schön, aber wahr: Der Masse kriegsblinder Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg verdanken Blinde die Standards selbständiger Mobilität im öffentlichen Raum. Sicher, schon das erhöhte Verkehrsaufkommen in westlichen Metropolen wie Paris führte in den dreißiger Jahren zur lokalen Einführung der weißen Signalfarbe von Blindenstöcken. Auch der junge blinde Mann, dem der Anzeigenakquisiteur Leopold Bloom in James Joyce‘ „Ulysses“ (1922) am 16. Juni 1904 im mittäglichen Dublin über die Straße hilft, ist allein in der Großstadt unterwegs und benutzt zur Orientierung einen Stock. Das ändert nichts daran, dass der weiße Langstock und das Trainingsprogramm für seine Handhabung speziell für die vielen erblindeten Soldaten entwickelt wurde und eine Kriegsfolgenbereinigung gewesen ist. Blinde sind, auch wenn sie sich das nicht ausgesucht haben, Kriegsgewinnler. Vor den beiden Weltkriegen wäre niemand auf den Gedanken gekommen, geschweige denn, dass finanzielle Mittel dafür bereitgestellt worden wären, die individuelle Mobilität Blinder im öffentlichen Raum zu organisieren und zu gewährleisten. Die blinden Kriegsheimkehrer in Nordamerika hatten ihrem Land gedient und Anspruch darauf, dass sich der Staat um die Bewältigung ihres Lebensalltags kümmert. Das Blindenleitsystem, das man heute an Fernbahn-, S- und U-Bahnhöfen, an Straßenbahnhaltestellen und einigen Straßenrändern großer und mittlerer Städte finden kann, wurde übrigens in Japan entwickelt: In Europa ist es ein weiß gestrichener Rillenbelag in Streifen- oder Viereckform, den Blinde mit der halbkugeligen Stockspitze abtasten, um zu erfahren, wo Begrenzungen sind, die sie nicht überschreiten sollten oder die ihnen den Beginn der Fahrbahn anzeigen, wo Ein- und Ausgänge von Bahnhöfen sind oder wo sie sich hinstellen müssen, um von Bus- und Straßenbahnfahrern gesehen zu werden, die dann auf ihrer Höhe halten, damit sie die Tür zum Einstieg finden.
Obwohl es einschlägigere Beispiele für Quantensprünge infolge von Kriegen gibt – man denke nur an die Nachrichten-, zivile Luftfahrt- und Raketentechnik -, habe ich die nach 1945 verbesserte Lebensqualität von Blinden gewählt, weil diesen nicht nachgesagt wird, sonderlich kriegslüstern zu sein. Es wäre bei einem Kriegsausbruch mit den zumindest in Nordamerika, Japan und Europa eingeführten Standards ihrer individuellen Bewegungsfreiheit rasch vorbei. Als Behinderte sind Blinde wie Kinder, ältere und kranke Menschen auf Frieden angewiesen und könnten sich vor Raketeneinschlägen und Drohnenangriffen, plündernden und mordenden Soldaten und Angreifern ohne Hilfe nicht in Sicherheit bringen. Blinde Israelis, die von jahrzehntelangem Raketenbeschuss und von wiederholten massiven Terroranschlägen betroffen waren, und blinde Ukrainer können davon ein Lied singen. Um nicht missverstanden zu werden: Der heute von den Krankenkassen finanzierte weiße Langstock und das dazugehörige Mobilitätstraining wären auch ohne jeden Krieg im Westen irgendwann flächendeckend durchgesetzt worden. Der Zweite Weltkrieg hat diese Entwicklung beschleunigt – darin besteht die Korrelation -, aber nicht verursacht.
Worauf ich hinauswill: Wunschdenken, naive Friedensbekundungen und das Ableugnen von Putins Vernichtungs- und Zerstörungswillen im Hinblick auf die Ukraine und Europa, die er sofort auf die Moldau, das Baltikum und auf Polen ausdehnen wird, sobald er damit in der Ukraine erfolgreich war, sind abenteuerlich, verantwortungslos und ignorant. Ganz einfach, weil die innenpolitische Sackgasse, in die sich Putin seit über zwanzig Jahren als Oberkleptokrat, der die russischen Oligarchen kontrolliert, hineinmanövriert hat, seine Macht gefährdet. Putin weicht auf imperialer Außenpolitik aus, um seine Herrschaft im Innern aufrechtzuerhalten und zu stabilisieren. Allein schon deshalb wird es mit den Aggressionen nach Außen nicht aufhören. Wirtschaftlich und – wie sich seit drei Jahren in der Ukraine zeigt, in denen seine Armee nur wenig vorankam – auch militärisch ist Russland ein Zwerg. Trotz umfangreicher Gas- und Ölvorkommen und trotz Nuklearwaffen. Das macht Putin-Russland nicht weniger gefährlich. Im Gegenteil. Der Westen hat die vielen Chancen, den ewig gestrigen Putin diplomatisch in die Schranken zu weisen, immer wieder versäumt. Ihn endgültig abzuservieren, haben sich US-Präsident Biden und die Europäer in den letzten drei Jahren nicht getraut. Jetzt ist es dazu zu spät.
Die ukrainische Zivilbevölkerung, deren Strom-, Wärme- und Wasserversorgung von Russland gezielt zerstört wurde und wird, ist Putins eigentliches Ziel. Wäre ihr erst einmal das Rückgrat gebrochen, wäre die Souveränität der Ukraine Geschichte. So, wie die Sowjetunion zusammengebrochen ist, so will Putin Europa als historischen Kern des Westens zusammenbrechen sehen. Das ist die Lebensaufgabe, die sich Wladimir Putin gestellt hat. Wie er dieses Ziel erreicht, ob durch islamische Massenmigration, durch Cyberangriffe, die Unterstützung rechts- und linksextremer Kräfte in den europäischen Nationalstaaten oder durch lokale Militäraktionen, dürfte ihm herzlich gleichgültig sein.
Wenn Europa sich nicht auf die Essentials seiner westlichen Zivilisation besinnt – vor allem Freiheit, Rechtsstaat, Gewaltenteilung, Volkssouveränität – und im Antisemitismus nicht eine ihrer zentralen Gefährdungen erkennt, wird es schwierig mit dem wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Überleben des Kontinents. In der Wiederaufrüstung zum Zweck des Friedenserhalts und zur Absicherung der westlichen Kultur liegen Chancen auch für das zivile Leben. Hightech auf höchstem Niveau, Energiepolitik (u. a. Kerntechnik), Wirtschaftswachstum, Kunst und Kultur (lesen, schreiben, rechnen, hören, sehen, tasten, experimentieren, erfinden, Handwerk und Industrie) sowie das Wissen, warum all das notfalls auch militärisch verteidigt werden muss, können zivile Nutzung und Rüstungsprogramme miteinander verschränken. Das sieht ein Blinder mit dem Krückstock.